Ausstellungsplakat

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Architektur

Viele Glasnegative im Konvolut zeigen Architekturen. Eine besondere Vorliebe hatte der Fotograf für die Städte Ellwangen und Crailsheim. Wir fanden zahlreiche Einzelbauwerke mit ländlicher Provenienz wie Kirchen, Fachwerkhäuser, Stadttore, Türme und Mühlen sowie den Flusslauf in Crailsheim und Umgebung mit Stauwehr und Kanal. Außerdem fotografierte er sein eigenes Haus in einer Ansicht mit dem Garten im Vordergrund. Dazu kommen Sehenswürdigkeiten in Berlin wie der Dom und einige andere Ansichten im Bezirk Mitte. Auf Urlaubsreisen nach Norditalien und ins Tessin entstanden 27 Bilder in und um Lugano mit mondänen Hotels, Springbrunnen, dem Luganersee und den Bergen im Hintergrund. Kennzeichnend bei den Architekturbildern ist, dass sie keine modernen, technischen Bauwerke aus Stahl oder Glas zeigen, sondern sich auf althergebrachte steinerne Formen aus der Zeit des Mittelalters, der Renaissance oder des Klassizismus konzentrieren.

Menschen

Die Fotografien von Menschen betreffen einen thematisch kleinen Teil der Aufnahmen. Überliefert sind 29 Portraits von Einzelpersonen oder Gruppen. In der Zeit nach der Jahrhundertwende gab es auf dem Buchmarkt bereits eine Vielfalt an Literatur für Amateurfotograf*innen. Hermann Schnauss etwa hatte bereits 1890 den Ratgeber „Photographischer Zeitvertreib“ vorgelegt, der bis 1903 in sieben Auflagen Verbreitung fand. Es waren auch Publikationen für die Landschafts- und Portraitfotografie erhältlich. Unser Fotograf knüpfte daran an und versuchte, in einigen Fällen die Situation in einem Atelier im Garten oder auf dem Balkon nachzustellen, indem er die Protagonist*innen vor einem eigens befestigten neutralen Hintergrund ablichtete. Auch bei den Gruppenaufnahmen zu einer Hochzeit orientierte er sich im Bildaufbau – die Hauptpersonen sind in der Mitte platziert – an der professionellen Fotografie. Herausstechend in den Portraits sind die beiden ikonischen Fotografien des jungen „Richard am Rad“ (Inv.-Nr. 4597) und des Mädchens mit Ziege (Inv.-Nr. 4403). (sg)

Auf Reisen

Um 1910 hatten in Deutschland Arbeiter*innen keinen gesetzlichen Urlaubsanspruch. Die ersten tariflichen Vereinbarungen erreichte der Zentralverband deutscher Brauereiarbeiter 1903. Eine flächendeckende Regelung für alle Arbeitnehmer*innen im Sinne des sozialen Arbeitsschutzes kam erst 1963 mit dem Bundesurlaubsgesetz. Der Fotograf des Bildkonvoluts arbeitete sehr wahrscheinlich als Richter am Amtsgericht in Ellwangen oder in Crailsheim. Für Beamte im höheren Dienst gab es um 1910 keinen einheitlichen, gesetzlich festgeschriebenen Erholungsurlaub wie heute; der Anspruch hing stark von der jeweiligen Landes- oder Einzelbehörde ab, orientierte sich aber oft an preußischen Vorbildern, die bis zu vier oder sogar sechs Wochen Urlaub bei bis zu sechs Tagen Wochenarbeit vorsahen. Der Fotograf dürfte also genügend Zeit für seine Urlaubsreisen ins Tessin oder nach Berlin gehabt haben – für Arbeiter*innen der Zeit ein unerreichbares Privileg. Mit welcher Intention der Fotograf in die Schweiz oder in die Reichshauptstadt reiste und ob er eine Begleitung hatte, ist leider nicht bekannt. (uh)

Landschaften

Die meisten Fotografien aus der Sammlung sind Motive der Landschaft. Charakteristisch dabei ist, dass zumeist Gebäude wie Mühlen, Brücken oder Bauernhöfe festgehalten sind und manchmal Menschen wie beiläufig hingesetzt darin vorkommen. Offensichtlich ist zudem die zumeist malerische Postkartenperspektive, die sich zumindest in zwei realen Ansichtskarten manifestiert (Inv. -Nr. 4528, 4564). Der Fotograf suchte sich zumeist 'unverbaute' Motive – unberührt von der modernen Zivilisation der Fabriken, Straßen und technischen Bauwerke. Die Bilder suggerieren den Blick auf eine rurale Welt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch an Kocher und Jagst bereits im Verschwinden begriffen war. Insofern dürfte er sich an der vor allem in bürgerlichen Kreisen populären Heimatschutzbewegung orientiert haben. Deren Verfechter Ernst Rudorff, Oscar Schwindrazheim, Paul Schulze-Naumburg und Heinrich Sohnrey versuchten mit konservativ-rückwärts gewandtem Gedankengut – als Stärkung der nationalen Identität – die Moderne von Industrie, Mobilität, Proletarisierung und Verstädterung zu negieren. Ihr Ziel: eine vermeintlich heile Heimat bäuerlichen Ursprungs. Dazu dienten unter anderem Trachten- und Heimatvereine, der Landschafts- und Naturschutz sowie die Pflege von Denkmälern und Brauchtum. (uh)

Kurioses

In den 1830er-Jahren wurden verschiedene fotografische Verfahren erfunden – die wichtigsten waren die nach ihrem Erfinder benannte Daguerreotypie sowie William Fox Talbots zweistufiger Negativ-Positiv-Prozess. Während die Daguerreotypie nur etwa 15 Jahre lang populär war, dominiert Talbots Idee seit den 1850er-Jahren die Fotografie. Daguerreotypien sind immer Unikate auf Metallplatten, meist seitenverkehrt. Von transparenten Negativen in der Tradition Talbots dagegen lassen sich beliebig viele seitenrichtige Positiv-Abzüge kopieren. Diese Eigenschaft nutzte unser Fotograf für Reproduktionen – eventuell als Dienstleistung: Er hat Objekte fotografiert, um deren Bilder zu vervielfältigen. Dieser Teilbestand ist der kleinste des überlieferten Konvoluts: Die Kopie eines passepartourierten Albuminabzugs, Aufnahmen von Tonscherben sowie eines Nagels. Einige Platten sind retuschiert: Ein Portrait ist so vom Hintergrund separiert, dass es als Passbild funktioniert. Eine entsprechend bearbeitete Landschaftsaufnahme diente vielleicht als Vorlage für eine Postkarte. Die dramatisch anmutende Sequenz der ballonfahrenden Frau zeigt die einzigen Aufnahmen eines bewegten Motivs im Bestand. Hier offenbart sich die Könnerschaft des Fotografen: Die verwendete Kamera hatte wahrscheinlich keinen Sucher, er musste also zielen, und zudem nach jeder Aufnahme unter Zeitdruck die Platte wechseln; eventuell hat er die schwere Kamera sogar in der Hand gehalten. (mf)

Über die Ausstellung

Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Konvolut historischer Glasplattennegative, das in zeitgenössischen Schachteln überliefert ist und handschriftliche Beschriftungen in deutscher Kurrentschrift trägt. Eine erste Sichtung ergab, dass die Fotografien vermutlich vor dem Ersten Weltkrieg im Raum Ellwangen und Crailsheim entstanden sind. Weitere Bildserien zeigen Motive aus Berlin sowie Aufnahmen vom Luganersee, die auf eine oder mehrere Urlaubsreisen hindeuten. Hinweise auf juristische Kontexte – etwa Verpackungen aus Gerichtsformularen und Fotografien eines Mannes in richterlicher Amtstracht – legen nahe, dass der unbekannte Fotograf im Justizwesen tätig war.

Die Bilder wurden für die Ausstellung digitalisiert und in Schwarzweiß-Positive überführt. Dabei wurde bewusst auf Retuschen verzichtet; lediglich Helligkeit und Kontrast wurden angepasst. Ziel war es, die Glasplatten als historische Bildträger sichtbar zu machen und zugleich zu reflektieren, dass jedes fotografische Bild Ergebnis zeitgebundener ästhetischer und technischer Entscheidungen ist. Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl dieser Fotografien und macht sie erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich – analog wie digital.

Über das Seminar

Die Ausstellung ist aus einem zweisemestrigen Lehrforschungsprojekt im Bachelorstudiengang Medienwissenschaft hervorgegangen. Im ersten Semester erarbeiteten sich die Studierenden theoretische Grundlagen zu Amateur- und Dokumentarfotografie, Fototheorie und Bildanalyse. Im zweiten Semester stand die praktische Arbeit im Mittelpunkt: die Digitalisierung und Archivierung der Glasplatten, ihre systematische Erfassung sowie die Auswahl und Kontextualisierung einzelner Fotografien.

Ein zentrales Anliegen des Seminars war es, wissenschaftliche und praktische Methoden miteinander zu verbinden. Die Studierenden verfassten eigenständig Bildtexte und arbeiteten an Ausstellung, Online-Präsentation und Katalog mit. Bei der Identifikation von Orten und Motiven zeigte sich, dass KI-gestützte Verfahren nur begrenzt hilfreich waren. Stattdessen erwiesen sich klassische Recherche, Archivarbeit und der Austausch mit regionalen Expert*innen als entscheidend. Das Seminar verdeutlicht damit den Wert kollaborativer, forschender Arbeit im Umgang mit historischem Bildmaterial – auch und gerade im digitalen Zeitalter.

Nähere Informationen zu den Teilnehmenden des Seminars und den Autor*innen der Texte finden sie im Impressum.